Schleswig-Holstein
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Jahresbilanz 2015

11.02.2016

Jahresbilanz 2015

Rendsburg - Im vergangenen Jahr betreute der WEISSE RING Schleswig-Holstein in 1.743 Fällen Menschen in Not, nachdem diese Opfer von Straftaten wurden. Mehr als 33.000 Stunden aktiver Opferarbeit in Schleswig-Holstein!

"Unsere rund 160 landesweit tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investierten 33.047 Stunden ehrenamtlicher Opferarbeit", so Uwe Döring, Justizminister a. D. des Landes Schleswig-Holstein und Landesvorsitzender des WEISSEN RING Schleswig-Holstein Persönliche Betreuung und menschlicher Beistand Die vermeintlichen Kleinigkeiten, Gesten der Aufmerksamkeit und insbesondere der menschliche Beistand sind für Kriminalitätsopfer ein Anker in Zeiten der eigenen persönlichen Not. Aktives Zuhören, das Eingehen auf diese Notsituation sowie die persönliche Beratung und Betreuung der Opfer von Straftaten zeichnen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WEISSEN RING in ihrer täglichen aktiven und ehrenamtlichen Opferarbeit aus. "Wir nehmen uns Zeit, Opfern aktiv zuzuhören", führt Uwe Döring weiter aus und stellt damit die persönliche und soziale Kompetenz der ehrenamtlichen Opferhelfer heraus. Nach einer Straftat gilt das öffentliche Interesse meist dem Tatgeschehen, der Persönlichkeit des Täters, seiner Verfolgung und Verurteilung. An das betroffene Opfer und seine Situation nach der Tat wird noch immer viel zu wenig gedacht. Kriminalitätsopfer finden in den ehrenamtlichen Opferhelfern des WEISSEN RINGS Vertrauenspersonen, die sie bei der Aufarbeitung ihres Erlebten begleiten. Dabei können die Opferhelferinnen und Opferhelfer ein umfassendes bundesweites Netzwerk von Kooperationspartnern nutzen, um für jeden Einzelfall individuelle Hilfsangebote vermitteln zu können. "Durch die starke emotionale Belastung hilft es Kriminalitätsopfern sehr häufig, wenn ein -Dritter- mit Erfahrung in diesem Bereich die Sachlage betrachtet, offene Fragen beantwortet und ihnen als aktiver Vermittler zu Seite steht", so Uwe Döring weiter. Wie emotional belastend sich Situationen von Opfern darstellen, verdeutlichen folgende Praxisbeispiele:
  • Geldbörse aus dem Einkaufswagen gestohlen; Es traf die 82-jährige Rentnerin Elfriede M. unverhofft und massiv, als ihr das Portemonnaie mit 120,00 € nebst Personalpapieren beim Einkauf gestohlen wurde. Sie lebt von 1.100,00 € monatlicher Rente. Der WEISSE RING konnte hier schnell, unmittelbar und direkt helfen.
  • Der Pensionär Herbert S., 77 Jahre, glaubte einem Gewinnversprechen am Telefon und überwies eine "Verwaltungsgebühr" i. H. von 200,00 €, um den Gewinn ausgezahlt zu bekommen. Einmal gezahlt, folgten weitere Anrufe und Geldforderungen. Die Anrufer erzeugten dabei psychischen Druck und gaben sich am Telefon als Anwalt, Polizeibeamter und auch als Staatsanwalt aus. Dabei wurde gedroht und das Opfer gezielt verängstigt. Der WEISSE RING konnte dem verunsicherten Herbert S. durch eine schnelle persönliche Betreuung in dieser Notsituation stützen, aufklären und mit Hilfe eines Opferanwaltes weiteren Schaden abwenden.
  • Die kurze Abwesenheit nutzen unbekannte Täter und brachen an einem späten Montagnachmittag in das Einfamilienhaus einer vierköpfigen Familie in einer Randgemeinde der Landeshauptstadt Kiel ein. Der oder die Täter drangen durch ein aufgehebeltes Fenster an der Gebäuderückseite in das Haus ein und durchwühlten alle Schränke im elterlichen Wohn- und Schlafzimmer. Dabei entwendeten sie alten Familienschmuck und Bargeld. Die materiellen Schäden waren zum überwiegenden Teil durch die Hausratversicherung gedeckt. Doch die Verunsicherung und psychische Belastung blieb bestehen. In Gesprächen konnten die ehrenamtlichen Opferhelfer der Familie ein Anker in der Not sein und Wege zur Bewältigung der psychischen Folgen aufzeigen. Darüber hinaus konnten hilfreiche Informationen zu mechanischer und elektronischer Sicherungstechnik, sicherheitsbewusstem Verhalten sowie einer aufmerksamen Nachbarschaft vermittelt werden.
  • Das Leben der gesamten Familie änderte sich schlagartig als bekannt wurde, dass sich ein "guter Freund" der Familie seit vier Jahren an der heute 15-jährigen Tochter sexuell vergangen hat und zudem auch Kontakt zu deren 6-jähriger Schwester gesucht hatte. Opferhelfer des WEISSEN RING wurden durch die Kriminalpolizei eingeschaltet. In dieser unvorstellbaren Notsituation standen die ehrenamtlichen Helfer der Familie als aktive Zuhörer zur Seite und vermittelten umgehend eine kompetente Opferanwältin. Im Zuge der Opferbegleitung konnten der Familie Wege einer Therapie aufgezeigt und konkrete Hilfen angeboten werden.
Die Anzahl der Betreuungsfälle gegliedert nach Geschlecht im Mehrjahresvergleich Der WEISSE RING Schleswig-Holstein betreute im Jahr 2015 mit seinen rund 160 ehrenamtlichen Opferhelfern in 16 Außenstellen 1.743 Opferfälle. Das entspricht einem Anstieg um 58 Fälle (+ 3,44 %) im Vorjahresvergleich. Darunter waren 1.326 (76,08 %) weibliche und 417 (23,92 %) männliche Kriminalitätsopfer. Wichtig ist dabei, dass die Zahl der Opferfälle nicht in jedem Fall die Zahl der betroffenen Menschen wiedergibt. So sind z.B. in einen Fall bei einem Tötungsdelikt 7 Menschen und in einem anderen Fall 4 Menschen als mittelbare Opfer betroffen gewesen. Auch bei Einbruchsdiebstählen sind häufig zwei Personen betroffen und werden betreut. Es wurden 2015 landesweit in 79 Fällen Kinder (4,53 %), in 125 Fällen Jugendliche (7,17 %) und in 1538 Fällen Erwachsene über 18 Jahre (88,24 %) als unmittelbare Opfer vorsätzlicher Straftaten betreut. Der deliktische Schwerpunkt lag im vergangenen Jahr erstmals bei der Opferbetreuung von Körperverletzungsdelikten, gefolgt von Sexualdelikten. "Zahlreiche Opfer beider Deliktsgruppen waren nach der Tat traumatisiert und benötigten psychologische Hilfe, die wir regelmäßig vermittelt haben", so Uwe Döring. Verteilung der Opferfälle 2015 gegliedert nach Delikt / Deliktsgruppe Verteilung der Opferfälle 2015 gegliedert nach Delikt / Deliktsgruppe in %-Werten Finanzielle Hilfen In vielen Opferbetreuungsfällen waren dringende finanzielle Hilfen erforderlich. Der WEISSE RING Schleswig-Holstein stellte hierfür im Jahr 2015 insgesamt 216.671,56 € bereit. Damit wurden unmittelbare Hilfen für Kriminalitätsopfer und deren Angehörige ermöglicht. Die bestehenden Notsituationen konnten dadurch finanziell abgemildert werden. Unsere finanziellen Hilfen 2015 gliedern sich wie folgt:
  • Hilfescheck für eine anwaltliche ErstberatungDieser Rechtsberatungsscheck ist in erster Linie dafür gedacht, dass Opfer ohne eigenes Kostenrisiko eine umfassende anwaltliche Erstberatung erhalten können.
  • Hilfescheck für eine psychotraumatologische ErstberatungAnliegen des Hilfeschecks für eine psychotraumatologische Erstberatung des WEISSEN RINGS ist, Kriminalitätsopfern möglichst zeitnah nach psychisch verletzenden Erlebnissen eine angemessene, kompetente medizinisch-psychologische Fachberatung zukommen zu lassen. Chronifizierung von psychischem und seelischem Leiden soll durch notfallpsychologische Intervention und psychotherapeutische Soforthilfe verhindert werden. Die Selbstheilungskräfte sollen gezielt mit Hilfe spezialisierter Berater gestärkt und ggf. ergänzt werden.
Persönliche Betreuung "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben viel Zeit und Kraft investiert, mehr als 33.000 Stunden im Dienste der ehrenamtlichen Opferhilfe", betont Uwe Döring. "Damit einhergehend wurden die persönlichen Betreuungszeiten insgesamt um rund 4.500 Stunden gesteigert. Zur Linderung akuter Notlagen stellte der WEISSE RING Schleswig-Holstein insgesamt 216.671,56 € bereit. Das verdeutlicht den akuten Hilfebedarf von Opfern, wie auch die finanzielle Unterstützung in Notlagen", verdeutlich Uwe Döring. Alle Opferhelferinnen und Opferhelfer werden durch ein umfangreiches Seminarangebot des WEISSEN RINGS auf diese schwere Arbeit vorbereitet. Verteilung des Zeitaufwandes aktiver Opferarbeit in Stunden Einbruch in privaten Wohnraum Ein Einbruch in den eigenen vier Wanden bedeutet für viele Menschen einen großen Schock. Dabei machen den Betroffenen die Verletzung der Privatsphäre, das verloren gegangene Sicherheitsgefuhl und die damit verbundenen psychischen Probleme häufig mehr zu schaffen als der materielle Schaden und der Verlust von Gegenständen mit ideellem Wert. Jeder Achte fühlt sich nach einem Einbruch in seinem Heim nicht mehr sicher und zieht um. 15 bis 20 Prozent der Einbruchsopfer leiden langfristig unter Ängsten und psychosomatischen Belastungen. Schleswig-Holstein verzeichnete im Jahr 2012 mit 7.654 registrierten Taten die größte Anzahl von Einbruchdiebstählen in privaten Wohnraum der letzten Jahrzehnte. In den beiden Folgejahren war zwar ein leichter Rückgang bei den Fallzahlen feststellbar, dieser Trend wird allerdings keine Fortsetzung finden. Aktuellen Prognosen folgend, werden die polizeilich registrierten Taten im Jahr 2015 deutlich ansteigen. Döring: "Die Bekämpfung des Wohnungseinbruchsdiebstahls, als Schwerpunktsetzung der Landesregierung, hat augenscheinlich noch nicht den gewünschten Erfolg gezeigt. Offensichtlich signifikant ansteigende Fallzahlen führen zu einer starken Verunsicherung in der Bevölkerung. Einbruchdiebstähle in privaten Wohnraum müssen mit Nachdruck verfolgt und aufgeklärt werden. Es darf nicht der falsche Eindruck von rechtsfreien Räumen entstehen. Der WEISSE RING bietet seine Unterstützung bei der Präventionsarbeit an und steht für die Betreuung und Beratung der Opfer zur Verfügung. Wir wünschen uns, dass die Polizei noch stärker als bisher die Opfer auf diese Hilfen hinweisen."